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| Reggel 11 und der passive Zusatz |
Artikel aus der FAZ vom 04. März 2002
Spieler klagen, Schiedsrichter sind ratlos und und 16 Trainer wollen aktiv zurück
Jetzt verstehen selbst Männer das Abseits nicht mehr |
KÖLN.
Gero Bisanz, der frühere Leiter der Trainerausbildung im Deutschen Fußbal-Bund (DFB),
kennt die komplizierte Lage. "Das passive Abseits ist ein großes Problem. Die Regelauslegung
ist ein äußerst schwieriges Unterfangen." In den letzten Jahren seiner Tätigkeit als Dozent
der Sporthochschule in Köln hat Bisanz versucht, angehenden Fußball-Lehrern die strittige
Regelauslegung zu erläutern. Es waren weitgehend erfolglose Bemühungen. Denn die klammheimlich
modifizierte Abseitsregel ist auch für Experten zu kompliziert geworden und führt zu größten
Irritationen.
Die Begegnung zwischen Freiburg und Leverkusen, in der die Breisgauer ihrer Meinung nach
vier reguläre Tore erzielten, aber nur ein 2:2 erreichten, machte die Problematik abermals
zum Gegenstand hitziger Debatten. In der vorigen Woche hatten sich 16 Bundesliga-Trainer
in einer Umfrage des Sportmagazins "Kicker" dafür ausgesprochen, das passive Abseits wieder
abzuschaffen. DFB-Schiedsrichterobmann Volker Roth weiß, daß permanenter Zündstoff in der
Luft liegt. Die Schiedsrichter und deren Assistenten an den Seitenlinien, die die Entscheidungen
über eine Abseitsposition treffen müssen, geraten unter extremen Druck. "Wir versuchen aber,
die Anweisungen zur Abseitsregel zum Wohle der Vereine umzusetzen", betont Roth. Die
Fachkommission des Internationaleni Fußball-Verbandes (FIFA) verlange noch erheblich
kompliziertere Regelauslegungen. "Da gibt es Lehrvideos, die zeigen wir unseren Schiedsrichtern
gar nicht erst", sagt Roth. Ein Zurück aus dem Durcheinander ist dennoch nicht möglich.
"Die Anweisungen zum passiven Abseits sind kein nationaler Sonderweg. Sie werden von der FIFA
verlangt", sagt der 60 Jahre alte Unternehmer aus Salzgitter. "Wenn wir im DFB eine Anweisung
für eine Änderung rausgeben würden, bekämen wir eine Abmahnung der FIFA-Kommission."
Drei Beispiele aus der Bundesliga innerhalb von sechs Tagen haben die Fehlentwicklung noch
einmal besonders deutlich gemacht. Die Kontinuität der Regelauslegung ist zerstört worden.
Der über Jahrzehnte gepflegte Grundsatz, daß die Regeln des Fußballs einfach und einheitlich
sein sollten, gilt nicht mehr. Beim Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga am Sonntag vergangener
Woche zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund (4:0) erregten sich die Borussen über
einen nicht anerkannten Führungstreffer von Ewerthon. Schiedsrichter Helmut Fleischer räumte
später ein, daß dieses Tor wegen einer passiven Abseitsstellung von Amoroso regulär gewesen
wäre. Er habe aber auf das Fahnensignal seines Assistenten Greipl reagieren müssen. Dem wird
zur Last gelegt, daß er die Flagge kurz angehoben und dann wieder zurückgezogen habe. Der
Schiedsrichterausschuß entschied, daß Linienrichter Greipl für einige Zeit nicht mehr eingeetzt
wird.
Die Assistenten müssen ihre Köpfe für einen Mißstand hinhalten. Denn die Regel 11 (Abseits)
ist auf dem Papier noch so unkompliziert, wie sie über Jahrzehnte ich in der Praxis angewandt
wurde. Im Abseits befindet sich laut Regeltext ein Spieler, der auf gleicher Höhe mit dem
vorIetzten Abwehrspieler des Gegners ist. Strafbar ist diese Position dann, wenn er ins Spiel
eingreift, einen Gegner beeinflußt oder aus seiner Stellung einen Vorteil zieht. Das Wort
"passiv" existiert in den Regeln überhaupt nicht. Danach waren die Entscheidungen, den
Dortmunder Amoroso und auch die "falschen" Freiburger Torschützen Willi und Zeyer im Abseits
zu sehen, absolut regelkonform. Lediglich in den zusätzlichen Anweisungen für die Schiedsrichter
kommt der Begriff quot;passiv" ins kompliziert gemachte Spiel. Ein passiv abseits stehender
Spieler würde sich strafbar machen, so heißt es im DFB-Zusatz, "wenn die Ballabgabe indirekt
zu ihm kommt und er damit aus seiner Stellung einen Vorteil zieht". Um dies praktisch anzuwenden,
sind die Assistenten angehalten, ihr Fahnensignal nicht mehr sofort zu geben, sondern die
Spielsituation interpretierend abzuwarten. " Das heißt, dass die Linienrichter ein Abseits
mit Verzögerung anzeigen müssen. Das versteht und akzeptiert das Publikum aber nicht ",
meint Gero Bisanz.
Der entstandene Wirrwarr geht auf eine Initiative der FIFA zurück. "Sie hat vor etwa vier
Jahren darauf hingewiesen, dass Fußball dazu da ist, Tore zu erzielen", sagt Roth. Kontroverse
Diskussionen um nicht gegebene Treffer seien besser als Spiele mit zuwenig Toren.
GREGOR DERICHS |
| Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04. März 2002 |
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